Leseprobe - Papas Geheimnis
DER INSPEKTOR
Er schläft?Am Tag, nachdem Sidda sich mit Magnus Marteinsson angelegt hatte und Papa zu ihm vorgeladen worden war, goss es wie aus Kannen. Der Regen prasselte auf das Wellblechdach, und von weiter her waren Donnerschläge zu hören. Bei schlechtem Wetter erlaubte Mama uns manchmal, drinnen bleiben zu dürfen, obwohl unser Wohnzimmer ja zugleich auch ihr Arbeitszimmer war. Wir Geschwister besaßen jeder einen eigenen Computer, die wir letzten Sommer im Sperrmüll auf der Straße gefunden hatten. Irgendwie hatte ich sie wieder in Gang bekommen und verkabelt, so dass wir Computerspiele gegeneinander spielen konnten.
Es war Sonnabend. Sidda und ich hatten schon vier Stunden vor unseren Computern gesessen und uns gegenseitig mit Kugeln eingedeckt. Dabei hatten wir sechs Liter Limo getrunken und zwei Schinken-Hamburger und ein Kilogramm Fritten verschlungen. Plötzlich klingelte es an der Wohnungstür, und das mitten im Spiel.
Notgedrungen ging ich zur Tür. Das bekam mir allerdings gar nicht gut, denn so konnte Sidda mich in dem Spiel ruck, zuck fertig machen. Sie zerhackte mich in acht Stücke und verteilte sie über ihren ganzen Bildschirm. Bevor ich die Tür öffnete, warf ich einen Blick durch das Fenster und erkannte den klitschnassen Regenmantel und Hut von Vidar Hrafnsson, dem Kriminalbeamten, einem wahrlich guten Bekannten unserer Familie.
Vidar Hrafnsson, besser bekannt unter seinem Spitznamen Viddi Nikotin, qualmte jeden Tag achtzig Zigaretten ohne Filter. Er hatte schon ganz gelbe Zähne und gelbe Finger und stank drei Meilen gegen den Wind nach Kaffee, Katzenpisse und kalter Zigarettenasche. Er hatte ein sehr schmales Gesicht und trug eine dicke Brille. Seine Augen wirkten dadurch viel größer, als sie in Wirklichkeit waren. Und besser sehen konnte er mit ihr auch nicht, denn die Gläser waren immer so sehr beschlagen, dass er seine Augen zusammenkneifen musste, um überhaupt etwas erkennen zu können. „Guten Tag. Ich müsste mal kurz mit deinem Vater sprechen“, sagte Viddi Nikotin und hüstelte. „Sie können es ja mal versuchen“, gab ich zurück. „Er schläft gerade.“
„Er schläft?“, wiederholte der Inspektor, während er durch den Türspalt hereingeschlüpft kam und sich ungeduldig umsah. Sidda hatte unser Spiel noch immer nicht ganz beendet und hob nicht einmal ihren Blick. Ich ließ den Gast in unsere Wohnstube. Papa lag lang ausgestreckt auf dem Sofa und
schnarchte dermaßen laut, dass die Fensterscheiben zitterten und selbst die Tassen im Abtropfkorb in der Küche noch klapperten.
Mama war wie immer sehr beschäftigt. Sie hatte ihr Headset auf dem Kopf, lief kreuz und quer durch das Zimmer und zeichnete mit ihrer Nagelfeile unsichtbare Bilder in die Luft. Sie nickte Vidar teilnahmslos zu und redete weiter ins Mikrofon. „Gerade in dieser Woche haben wir ein
günstiges Angebot. Zwei zum Preis von einem. Richtig. Sie brauchen nur den Umschlag an uns zurückzuschicken, unfrankiert. Ja. Nein. Ja. Genau!“
Viddi Nikotin zündete sich eine Zigarette an und ließ den Deckel seines silbern glänzenden Feuerzeugs geräuschvoll zurückschnellen, ganz so, als wollte er unsere Aufmerksamkeit gewinnen oder einer Sache Nachdruck verleihen. Klick, machte das Feuerzeug. Er kniff seine Augen so stark
zusammen, dass sein Gesicht wie eine verschrumpelte Apfelsine aussah. „Es geht um euren Klassenlehrer,
MagnusMagnus Marteinsson“, hob er an. „Ich glaube, euer Vater ist der letzte gewesen, der ihn lebendig gesehen hat. Stimmt das?“ „Lebendig? Ist er denn jetzt tot?“, fragte ich. „Wir haben Grund zu der Annahme, jawohl.“ Sidda verdrehte ihre Augen, während sie mit der Hand auf die Tastatur hämmerte und ein ganzes Regiment in die Luft jagte. „Ich weiß es nicht“, sagte ich. „Was weißt du nicht?“ „Was unser Vater gestern gemacht hat.“ „Weißt du es nicht, oder willst du es nur nicht sagen?“
Außer seiner Qualmerei hatte der Inspektor noch ein paar andere Hobbys. Eines davon war, bis spät in die Nacht Kriminalfilme zu sehen. Darum gähnte er immerzu und schüttete schwarzen Kaff ee in sich hinein. Nach all den Krimis verfügte er über eine ganze Sammlung von Sätzen wie zum Beispiel Gestehen Sie! Wir wissen doch alles! oder Wir haben Grund zu der Annahme und so weiter.
„Ich wäre euch überaus dankbar…“, der Inspektor musste kräftig husten, dies war ein neuer Satz, den er noch nie gebraucht hatte, „… überaus dankbar, wenn euch noch etwas zum gestrigen Abend einfallen würde.“ „Ich habe am Computer gesessen“, sagte ich. „Ich verstehe“, entgegnete Viddi Nikotin und kaute auf seiner Zigarette. Beiläufig beobachtete ich, wie Sidda ihre Augen verdrehte.
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