Vielleicht hat das Scheusal ja auch Kinder

Dagný Kristjánsdóttir, TMM, 2, 2008:
Papas Geheimnis von Thórarinn Leifsson rief erstaunlich wenig Wirbel auf dem isländischen Büchermarkt hervor, als es letztes Jahr zu Weihnachten erschien. Trotzdem ist das Geheimnis des Papas kein gewöhnliches Problem. Während die Mutter Telefonhandel betreibt und ihren Blick kaum vom Computer abwendet und während die beiden Kinder in der Schule sind, stellt der Vater anderen Menschen nach, um sie dann aufzuessen. Papa ist nämlich Kannibale.
Das Kinderbuch von Thórarinn Leifsson handelt sowohl von den äußersten Grenzen unserer Kultur als auch von ihrem inneren Kernbereich. Die Verbote von Blutschande und Kannibalismus stellen Eckpfeiler der Zivilisation und der menschlichen Gesellschaft dar. Vielleicht sind diese Verbote gerade deswegen direkt oder indirekt in klassischen Geschichten und Märchen thematisiert worden. So meint die Historikerin Marina Warner, dass bei genauerer Betrachtung ein Großteil sowohl der Mythen als auch der Märchen direkt oder indirekt eine Art Warnung vor diesen beiden Dingen – d.h. Blutschande und Kannibalismus – enthalte. Weiter sagt sie: „Manch einer findet wahrscheinlich wenig Gefallen am Grotesken, das mit Parodie und Derbheit, krankhaftem Humor, einer kühlen Beherrschung unserer Angst und Zufriedenheit mit dem Schrecklichen aufwartet, aber das Groteske ist zu einer anerkannten, wenn nicht gar beherrschenden Methode geworden, um mit den Gefahren fertig zu werden, die unsere Existenz und unseren Wohlstand bedrohen.“
Kann man es verantworten, Kindern eine Gruselgeschichte zuzumuten, die nicht nur grotesk und schrecklich ist, sondern sich hemmungslos über eines dieser beiden grundlegenden Verbote der menschlichen Gesellschaft hinwegsetzt? Und damit nicht genug, Thórarinn Leifsson äußerte in einem Rundfunkinterview mit Lísa Pálsdóttir, dass er auf diesem Weg weitermachen wolle, schließlich würde dies kein anderer tun.
Aber auf diesem Weg gab es einmal regen Verkehr, wie Marina Warner aufzeigt. In vielen der bekannten Märchen ist der groteske Ursprung eliminiert worden, wie zum Beispiel im Märchen von Dornröschen, wo es nach dem Umschreiben durch die Brüder Grimm keine Vergewaltigung und keinen Kannibalismus mehr gibt. In seiner italienischen Fassung war es kein Prinz, sondern ein König, der Dornröschen küsste und außerdem mit ihr schlief, so dass sie neun Monate später Zwillinge zur Welt brachte – immer schlafend. Die Mutter des Königs war eine Kannibalin, und ihr Lieblingsessen waren kleine Kinder.
Die Königinmutter ist eine der kannibalischen Mütter, über die in der Psychoanalyse sehr viel geschrieben worden ist und von denen einiges Gruseln ausgeht. Die bekannteste kannibalische Mutter in den isländischen Volkssagen ist das Trollweib Grýla. Geschichten von Trollen und Ungeheuern, Hexen und Bösewichten, die kleine Kinder oder auch Menschen im besten Alter essen, sind ebenfalls ziemlich häufig, und man könnte dafür zahlreiche Beispiele anführen. Die Literaturwissenschaftlerin Maria Tatar, die die Grimmschen Märchen eingehend untersucht hat, vertritt die Meinung, dass die alten Volksmärchen durchaus über einen historisch verbürgten Kern verfügen können, d.h. sie schildern, verbergen oder verschleiern vermutlich die tatsächlich schlechte Behandlung von Kindern durch ihre Eltern oder auch Kindesmord in einer von Mangel und Unwissenheit geprägten Gesellschaft. In diesen Märchen kristallisieren sich in erster Linie die Angst und das Grauen, die im menschlichen Zusammenleben aufkommen, wenn der Stärkere den Schwächeren aus dem Wege räumt, um sich selbst in Sicherheit zu bringen oder seine Macht zu behaupten. Dies sind die Kannibalen der Märchen, und die Geschichten von ihnen flößen uns heute keine große Furcht mehr ein.
Der Mensch ist ein Allesfresser, genau wie die Ratte. Nach und nach lernt er, im Gegensatz zur Ratte, dass er manche Sachen essen darf und andere nicht. Darüber herrscht kulturelles Einverständnis, und jede Gesellschaft hat bestimmte Regeln dafür, was essbar ist und was nicht. Ein kleines Kind, das diese Regeln noch nicht gelernt hat, versucht immer wieder, alles Mögliche in den Mund zu führen. Der Weg von Kindern in die Zivilisation ist mit Geboten und Verboten gepflastert, was man essen darf und was nicht. Hier braucht nur an die bekannte Botschaft von Thorbjørn Egner in seinem Grønnsakspisersang (Lied vom Gemüseessen) erinnert zu werden: „Wer Tag für Tag nur Fleisch und Wurst isst, der wird dick und dumm und bekommt am Ende Bauchschmerzen. (Dagegen ist es gut, Mohrrüben zu essen, grobes Brot, Petersilie, Krähenbeeren, Kartoffeln, Gemüse und rohe Lebensmittel).“
Wir essen weder das, was uns allzu sehr ähnelt, noch das, was allzu verschieden von uns ist. „Du bist, was du isst“, lautet ein Sprichwort, und wenn ein Mensch einen anderen Menschen verspeist, erfolgt eine Verschmelzung, die über die Grenze des Bekannten und Erlaubten hinausgeht, über die Grenze zwischen innen und außen, und das ruft eine Sucht hervor, die zu vollkommener Seligkeit werden kann, wenn sie nicht zum Albtraum gerät. Dieser Zusammenhang mit der Gaumenfreude zeigt sich auch in der Verknüpfung von Essen und Sexualität in Kinder- und Jugendliteratur, auf den oft hingewiesen worden ist. Dort steht Essen für Sexualität: Kinder und Jugendliche schlagen sich unablässig den Bauch voll, besonders in britischen Kinderbüchern angefangen bei Enid Blyton bis hin zu Harry Potter, wo die Jugendlichen von morgens bis abends Steaks und Pudding verdrücken. Gefräßigkeit oder Fresssucht gehört zu den Hauptsünden des Christentums, und die Sünde besteht darin, seine Triebe nicht zügeln und nicht maßhalten zu können. Gesellschaftlich verbotenes Essen zu sich zu nehmen ist ein Zeichen für unstillbare Gier und zeugt von Hunger, der nicht nur physisch ist, sondern psychisch und sexuell und sinnlich. Auf Englisch heißt solche Gier „cannibal lust“. Ein derartiger Hunger durchbricht die Grenze zwischen Zivilisation und Natur, zwischen Mensch und Tier, zwischen Vernunft und Trieb, zwischen Norm und Abnormität. Der Papa in Papas Geheimnis, Björn Benno Bader, ist sowohl Mensch als auch Tier und dennoch nichts von beidem. Um das Haus herum befindet sich eine große Müllhalde, und dort hält er sich meistens auf:
Er war wie ein alter Braunbär, wenn er – nur mit seiner blau gestreiften Unterhose bekleidet – zwischen den Bäumen entlang trottete. Von unseren Nachbarn wurde er deswegen auch meistens Brummbär genannt … Manchmal schienen mir die Leute über Papa zu reden, als wäre er ein Tier und kein Mensch. (11-12)
Dies sagt sein Sohn Hagen, zwölf Jahre, der Ich-Erzähler des Buches. Sein Papa läuft fast nackt herum, und wenn ihn jemand bedroht oder irgendwie auf die Nerven geht, dann isst er ihn einfach auf. Manche Opfer verschluckt er mit Haut und Haar, die meisten zerlegt er jedoch. Er löst die Knochen heraus und vergräbt sie im Garten. Auf diese Weise hat er 340 Menschen umgebracht und aufgegessen. Er zeigt keinerlei Mitgefühl mit seinen Opfern, genauso wenig wie ein Braunbär auf der Jagd. Dennoch ist dieser Vater von seiner Frau und den Kindern abhängig, und er scheint sie gern zu haben. Er ist wie das dritte Kind in dieser Familie: Er weigert sich, einer geregelten Arbeit nachzugehen, er liegt auf der faulen Haut, er liest idiotische Nachrichten und Witze über das Furzen in der Zeitung und amüsiert sich prächtig über seinen eigenen Humor. Da die Mutter für den Unterhalt der Familie sorgt, hat er genügend Zeit, sich um die Kinder zu kümmern, sie zur Schule zu bringen und Dinge des Alltags mit ihnen zu bereden, und die Kinder selbst finden ihn „cool“. Er ist mehr ein Kumpel oder Freund für sie als ein Vater. Den Kindern gefällt der Kannibalismus ihres Vaters überhaupt nicht, und sie versuchen ihn davon abzubringen, aber er antwortet vollmundig:
»Das spielt keine Rolle, Papa!«, rief Sina. »Menschenfresserei ist Mord!«
»Was du nicht sagst«, meinte Papa und lächelte hämisch. »Zumindest ist das eine schöne Parole, die du da von dir gibst.« … »Aber Menschenfleisch schmeckt mir nun mal so gut. Und außerdem…«
»Was … außerdem?«
»Und außerdem brauche ich die Proteine und Salze, die es nur im Menschenfleisch gibt«, antwortete Papa zögernd. Er wusste aus langer Erfahrung, dass dieses Argument für uns nicht zählte. (41-42)
Papa ist ganz einfach wählerisch beim Essen, allerdings nicht so, dass er darin herumstochert oder es auf dem Teller hin- und herschiebt – er verschluckt die Leute mit Haut und Haar und allem, was sie sonst noch so bei sich haben. Wenn Menschenfleisch erhältlich ist, verliert Papa die Kontrolle über sich, und er macht keinen Unterschied zwischen den Menschen. Er hat kein Mitleid mit seinen Opfern, und das flößt seinen Kindern Sina und Hagen Angst ein. Sina sagt:
»Papa! Du darfst keine Menschen mehr essen«, flehte Sina eindringlich. »Eines Tages isst du noch aus Versehen uns auf!«
Einen Augenblick schien Papa die Spucke wegzubleiben, doch dann entrüstete er sich: »In unserer Familie gibt es Menschenfresser, seitdem mein Großvater, Bernfried Benno, in der Grünen Bucht ans Ufer geschwemmt wurde! Aber keiner hat je aus Versehen ein Familienmitglied aufgegessen. Nie! Da braucht ihr euch keine Sorgen zu machen.« (42)
Als Papa sich auf Björni Börger stürzt, den besten Freund der Geschwister, ist für sie das Maß voll. Noch näher kann die Bedrohung nicht heranrücken, und das macht ihnen Angst. Sie beginnen sich zu fragen, was für eine Art Scheusal ihr Vater ist. Mit seinem Buch wollte Thórarinn Leifsson u.a. zeigen (vgl. das o.g. Interview), dass Scheusale auch Kinder haben können, dass Kinder auch Scheusale als Eltern haben können, dass sie Scheusalskinder sein können. Sowohl die Mutter als auch die Kinder sind bestürzt, als die Medien über Papa als „menschenfressendes Ungeheuer“ berichten. Hagen sagt:
Ich dachte an all die Leute, die Papa überhaupt nicht kannten und lediglich in den Zeitungen über ihn gelesen oder in den Fernsehnachrichten abstoßende Bilder von ihm gesehen hatten. Sie kannten ihn anders als wir – nur als Menschenfresser. Sie wussten nicht, dass er in Wirklichkeit wie andere Väter war. (99)
Allerdings ist dieser kleine Fehler des Papas nicht nur ein schweres Vergehen gegenüber der Gesellschaft und der Moral, sondern auch ein schweres Vergehen gegen die Menschlichkeit. Der Anthropologe William Arens stellte in seinem Buch The man-eating myth (1979) die Theorie auf, dass Geschichten über Kannibalen in erster Linie deutlich machen, wie sehr wir den Gedanken daran fürchten und welch festen Platz er in der Vorstellungswelt des Westens einnimmt. Er schreibt, dass die Berichte über afrikanische Menschenfresser von Rassisten, Forschungsreisenden und Missionaren benutzt worden seien, um die Christianisierung und die Einführung westlicher Werte bei den Ureinwohnern in wenig erforschten Gebieten zu rechtfertigen. Die Hauptvertreter dieser Gruppen, die Kirche und die Geldgeber für Expeditionen, haben nach Geschichten über Kannibalismus verlangt, und da haben Forschungsreisende und Missionare sie eben geliefert. Diese Berichte seien durchweg frei erfunden, und Kannibalismus sei nirgends auf der Erde ein akzeptiertes Verhalten gewesen, schreibt Arens. Derlei Mythen bildeten später in der westlichen Welt den Grundstock einer Unmenge von „harmlosen und liebenswürdigen“ Witzen über den Kannibalismus des kleinen schwarzen Zambos und der zehn kleinen Negerlein. Wir kennen alle die Kannibalen-Bilderwitze, wo Missionare in einem großen Kessel sitzen, und das ist schon längst ein derartiges Klischee, dass unser erster Gedanke ist: Ach, noch so ein Kannibalenwitz! Wie für jede andere rassische Ideologie gilt auch für diese Witze, dass sie unmöglich in der westlichen Welt spielen können, und das gehört dazu, wie lustig sie sein sollen.
Andere Anthropologen sind dagegen der Meinung, dass es genügend sichere Beweise für Kannibalismus gibt und dass dieser allenthalben ein kompliziertes Verhalten sei. Sie unterteilen Kannibalismus in drei Hauptgruppen: Erstens das Verspeisen von Verwandten und Freunden, das auf Liebe und Verehrung beruht: Der Verstorbene wird in die Körper der Lebenden aufgenommen und lebt in ihnen fort. Zweitens der auf Hass beruhende Kannibalismus: Der Tote wird geschmäht und vernichtet, indem Teile von ihm verspeist werden, nachdem er im Kampf oder durch Hinrichtung getötet worden ist. Drittens schließlich die Menschenfresserei in einer Hungersnot: Die Überlebenden haben die Wahl zwischen Kannibalismus oder eigenem Tod.
Diese letzte Art ist die Quelle des größten Schreckens für uns, denn hier kann man keinen Abstand in Raum und Zeit ins Feld führen, und selbst Hunger kann diese dritte Form kaum rechtfertigen. Sie kommt selten vor, aber die wenigen bekannten Fälle sind viel diskutiert worden. Kannibalismus ist in unseren Augen in keiner Weise akzeptabel und schon als Vorstellung genauso ekelerregend und krankhaft wie als Praxis.
Thórarinn Leifsson hat sich bislang vor allem als Bildender Künstler und Illustrator einen Namen gemacht, und auch Papas Geheimnis ist in gewisser Hinsicht ein Bilderbuch. Im oben erwähnten Interview mit Lína Pálsdóttir äußert er, dass seine Illustrationen einen Teil der Personencharakterisierung ausmachen und dass er von Ole Lund Kierkegaard, dem Autor und Zeichner der bei allen Kindern so beliebten Gummi-Tarzan-Bücher, beeinflusst sei. Er habe versucht, so Thórarinn, die Gewalt und den Schrecken durch seine Illustrationen sowohl zu verstärken als auch abzuschwächen, und man kann tatsächlich sagen, dass viele der Bilder sogenannte „Erzählspiegel“ (mise en abyme) sind, wie sich Jón Karl Helgason ausdrückt. Sie beinhalten jedes für sich einen kleinen Ausschnitt der Geschichte, manche von ihnen sind voll von Anspielungen und Verbindungen zum Text wie beispielsweise die Zeichnung vom Polizisten Willi Nikotin, als er eintrifft, um den Vater über den Verbleib des Klassenlehrers Magnus Martens auszufragen. Soffía Auður Birgisdóttir äußerte sich ganz begeistert über die Illustrationen und bezeichnete sie als ebenso sinntragend wie den Text des Buches.
Papas Geheimnis stellt sich in eine Reihe mit dem Thriller Börnin í Húmdölum (Die Kinder von Húmdalir) von Jökull Valsson (2004) und anderen streitbaren Kinder- und Jugendbüchern der letzten Jahrzehnte, in denen es darum geht, wie undeutlich die Grenze zwischen Kindern und Erwachsenen geworden ist und wie Kinder gezwungen werden, Verantwortung für verantwortungslose Eltern zu übernehmen. Sina und Hagen sind so genannte „fähige Kinder“, sie haben gelernt zusammenzustehen, sich an ihre Umgebung anzupassen, unnötige Konflikte zu vermeiden und die ihnen zugedachte Rolle in den von anderen Menschen geschriebenen Stücken zu spielen. Aber als ihr Vater sich an ihren besten Freund heranmacht und ihn aufessen will, lehnen sie sich dagegen auf, weiter „coabhängig“ zu sein, ihre Wut ist zu groß, die Bürde zu schwer und die Lösung des Konflikts kompliziert.
Hagen und Sina sind zwölf Jahre alt, sie befinden sich selbst in der Pubertät, und das zukünftige sexuelle Angebot stellt sich ihnen in verzerrter Form in der Begierde ihres Vaters dar – es ist wie ein Schreckensbild von dem, wohin ihre eigenen Triebe sie führen könnten. Ihr Vater ist pervers und kann seine Begierden nicht zügeln. Nachdem sie ihn vor der Hinrichtung gerettet haben, nimmt er das große Kochbuch der Menschenfresser zur Hand und will den Polizisten auf Feinschmeckerart zubereiten. Er hat nichts gelernt und nichts verstanden und zeigt, als es darauf ankommt, keinen Willen zur Besserung – er hat einfach nur Glück gehabt, ist noch einmal davongekommen:
Papa las laut aus dem Kochbuch vor: »Menschenpo mit Sahnesoße.«
»Papa!« Sina brachte vor Zorn kaum ein Wort heraus.
»Ich will jetzt kochen«, rief Papa, »seht ihr das nicht? Das ist ein Teil der radikalen Veränderung in meinem Leben. Ich esse kein rohes Fleisch mehr und verschlucke keine Menschen mehr im Ganzen. Ich esse jetzt nur noch ordentlich zubereitetes Menschenfleisch – wie gesittete Leute. Das ist eine ganz neuartige Abmagerungskur! Die Kannibalenkur!«
»Papa!« Sina blickte bekümmert nach unten, bevor sie fortfuhr: »Ist dir ein nikotingelber Menschenhintern wirklich mehr wert als wir, deine Familie?«
Wir schwiegen alle, und ich spürte, wie ein Kloß in meinem Hals aufstieg. Wie Tränen in meine Augen traten. Und im selben Augenblick war mir bewusst, dass es Sina und Mama genauso ging. Dass wir viel zu lange tatenlos zugesehen hatten. Dass all die Opfer von Papa tiefe Spuren in uns hinterlassen hatten, genau wie in Papa. Sie steckten nach wie vor in uns und waren nicht zufrieden mit dem Lauf der Dinge. Ganz und gar nicht. (108)
An dieser Stelle setzen die Kinder ihrem Vater den Stuhl vor die Tür, und sie haben dabei ihre Mutter auf ihrer Seite. Der Sohn hat begonnen, ihn als Scheusal zu sehen, als Tier, als Ungeziefer, und die Anlehnung an Kafkas Verwandlung ist offensichtlich. Die Kinder wollen nicht mehr, und sie zwingen ihn, sich behandeln zu lassen. Das erinnert an die Geschichte von einem anderen kannibalischen Vater, dem griechischen Kronos, der seine Kinder vorsichtshalber verschlang, damit sie nicht das Reich von ihm verlangten, ihn vom Thron stürzten und seine Rolle einnahmen. Sein Sohn Zeus wusste, dass auch ihm dieses Geschick drohte, und so zwang er mit Hilfe seiner Mutter Gaia den Vater dazu, die Geschwister wieder auszuspeien und der Zeitenfolge – der Chronologie – ihren Lauf zu lassen. Dies ruft das größte Entsetzen hervor, wenn Eltern ihre Kinder umbringen – es ist gleichbedeutend damit, die Zeit zu ermorden, die Zukunft zu töten, alles Leben auszulöschen.
In den überlieferten Mythen und den Grýla-Geschichten gibt es eine uralte und zugleich neue Botschaft, und sie hat auch Eingang in das Buch von Thórarinn Leifsson gefunden. Warum hat sich niemand über dieses Buch empört? Warum hat niemand gesagt, dass diese Geschichte für Kinder ungeeignet sei, dass Kinder so lange wie möglich einfach nur Kinder bleiben sollten und dass Bücher für junge Leser nicht zu grausam und grotesk sein dürften? Der Grund ist wohl einfach der, dass es dieser Geschichte gelingt, die mit Freude vermischte Angst und die von Kummer gezeichnete Liebe zu einem Scheusal, mit denen Kinder zuweilen zurechtkommen müssen, glaubwürdig darzustellen. Es gelingt ihr, die widersprüchlichen Gefühle und Forderungen der alten überlieferten Märchen auszudrücken und sie auf eine überaus interessante Weise zu erneuern.
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Die Autorin ist Professorin für Literaturwissenschaft an der Universität Islands und leitet u.a. ein nordeuropäisches Netzwerk zur Erforschung von Kinderkultur (BIN - Barn og ungdom i Norden).
Dagný Kristjánsdóttir, TMM, 2, 2008:
Vielleicht hat das Scheusal ja auch Kinder.
Þórarinn Leifsson: Leyndarmálið hans pabba, Mál og menning, Reykjavík 2007.
Die deutsche Übersetzung dieses Buches erscheint in Kürze u.d.T.:
Thórarinn Leifsson: Papas Geheimnis, leiv - Leipziger Kinderbuchverlag,
Leipzig 2008. Die Seitenangaben für die Zitate beziehen sich auf diese
Ausgabe.

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